Jens Gyarmaty
Patricia Thielemann über Kunst, Achtsamkeit und innere Ruhe
Wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn wir uns Zeit nehmen – für die Kunst und für uns selbst? Das Format Kunst und Meditation, das Patricia Thielemann gemeinsam mit dem Museum Barberini entwickelt hat, setzt genau hier an: Besucherinnen und Besucher kommen zunächst zur Ruhe – durch kurze Impulse, Musik und Atemübungen. Dieses einfache Innehalten wirkt wie ein Übergang: Es verlangsamt den Blick, schärft die Aufmerksamkeit und öffnet den Zugang zur Kunst.
Interview von Heike Faller
Du sagst, viele Menschen erreichen Kunst gar nicht mehr. Woran liegt das?
Weil sie sich nicht mehr verbinden können. Sie wissen, dass sie vor großartiger Kunst stehen, aber innerlich passiert nichts. Das hinterlässt eine Leerstelle.
Wie erklärst du dir das?
Ich glaube, wir sind erschöpft von der Reizüberflutung. Von Bildern, von digitalen Räumen, von permanentem Input. Das stumpft uns ab. Und dann stehen wir vor einem Gemälde und erwarten, dass es uns sofort berührt. Und wenn es das nicht tut, entsteht Frust. Immerhin gilt das Bild ja als Meisterwerk.
Also liegt das Problem nicht bei der Kunst?
Nein. Die Kunst ist stark. Aber wir sind oft nicht in dem Zustand, sie wirklich wahrnehmen zu können.
Und genau da setzt dein Format an?
Ja. Ich versuche, einen Raum zu schaffen, in dem man überhaupt erst wieder empfänglich wird. Über Atmung, über Konzentration, über eine geführte Aufmerksamkeit.
Viele würden jetzt denken: Das ist eine Art Yogastunde im Museum.
Das höre ich oft. Aber es geht gerade nicht darum, die Kunst als hübsche Kulisse zu benutzen. Sondern darum, die Wahrnehmung so zu verändern, dass die Kunst wirken kann.
Jens Gyarmaty
Jens Gyarmaty
Was verändert sich konkret?
Die Tiefe der Aufmerksamkeit. Wenn man in einem ruhigeren, konzentrierteren Zustand ist, schaut man anders. Man bleibt länger. Und plötzlich entsteht etwas, was vorher nicht da war.
Eine Besucherin hat beschrieben, dass sie sonst durch Ausstellungen durchläuft – und diesmal zum ersten Mal wirklich geschaut hat.
Genau das ist der Punkt. Dieses Durchlaufen ist ja fast wie ein Reflex geworden. Man will alles sehen, aber erlebt eigentlich nichts.
Museen versuchen oft, über Wissen einen Zugang zu schaffen – über Führungen, Kontext, Einordnung.
Und das ist auch wichtig. Wenn man versteht, warum ein Bild bedeutend ist, kann das viel öffnen. Aber es bleibt oft auf einer intellektuellen Ebene. Was fehlt, ist der emotionale Zugang.
Eine zweite Ebene der Rezeption.
Genau. Und die entsteht nicht durch mehr Information, sondern durch einen anderen Zustand. Man kann nicht direkt aus dem Alltag in eine tiefe Kunsterfahrung springen. Es braucht ein Dazwischen. Ein Schwellenritual. Genau diesen Übergang gestalte ich im Museum Barberini. Wenn er gelingt, kann Kunst wieder berühren.
Und das fehlt uns im Alltag?
Oft schon. Deshalb ist es für mich auch ein bewusster Gegenentwurf: Räume zu schaffen, in denen man wieder spürt, dass man berührbar ist.
Patricia Thielemann gründete 2004 Spirit Yoga und entwickelte auf Basis zahlreicher internationaler Ausbildungen den Spirit-Yoga-Stil, der modernes Yoga im deutschsprachigen Raum maßgeblich geprägt hat. Spirit Yoga zählt heute mit zwei Standorten in Berlin zu den bekanntesten Yogaschulen Deutschlands. In den vergangenen 22 Jahren bildete sie über 1.000 Yogalehrende aus, berät Unternehmen zu Mindfulness-Programmen und leitet Retreats unter anderem in Schloss Elmau, auf Sylt und in Thailand. Sie ist Speakerin und Autorin und war Kolumnistin für mentale Gesundheit (Der Tagesspiegel, Handelsblatt).