Eine digitale Forschungsplattform erschließt die Netzwerke des Impressionismus
Zum zehnjährigen Bestehen des Museums Barberini richtet die digitale Forschungsplattform Networks of Impressionism den Blick auf die Menschen und Beziehungen hinter dem Impressionismus. Künstler, Sammlerinnen und Sammler, Kunsthändler und Vermittler prägten gemeinsam die Entwicklung und internationale Verbreitung dieser Kunstrichtung. Doch wie waren sie miteinander verbunden? Welche Wege nahmen die Gemälde, bevor sie in Museen und Sammlungen gelangten? Und welche persönlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen bestimmten ihre Entstehung und Rezeption?
Die digitale Forschungsplattform Networks of Impressionism führt Informationen aus Archiven, Publikationen und Datenbanken zusammen. Sie verknüpft Kunstwerke mit ihren Provenienzen, den beteiligten Personen und Institutionen sowie historischen Quellen. Dadurch werden Zusammenhänge erschließbar, die bislang häufig nur durch die aufwendige Auswertung verstreuter Dokumente rekonstruiert werden konnten. Ermöglicht durch die Hasso Plattner Foundation und unter der Leitung des Museums Barberini entsteht die Plattform in Zusammenarbeit mit Navigating.art, dem Wildenstein Plattner Institute und internationalen Partnermuseen.
Zum Start am 6. November 2026 bildet die Sammlung Hasso Plattner des Museums Barberini mit ihren 115 Werken des französischen Impressionismus und Postimpressionismus den Ausgangspunkt. Langfristig soll die Plattform gemeinsam mit internationalen Museen und Forschungseinrichtungen erweitert werden. Darüber hinaus übertragen sechs digitale Vermittlungsprojekte die Forschungsergebnisse in unterschiedliche Formate – vom Audioguide und literarischen Hörstück über eine Graphic Novel bis hin zu einer Medieninstallation im Museum.
Ausgangspunkt der Plattform sind die Provenienzen der Werke aus der Sammlung Hasso Plattner. Sie geben Einblick in die Wege, die Gemälde über Generationen und Länder hinweg zurücklegten, und führen zu den Menschen, die sie erwarben, vermittelten, ausstellten oder erforschten. Die Plattform erschließt die Beziehungsgeflechte zwischen Künstlern, Sammlern, Händlern und Institutionen von den 1850er- bis in die 1950er-Jahre. Auf diese Weise wird nachvollziehbar, unter welchen persönlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen impressionistische Kunst entstand, verbreitet, gesammelt und wahrgenommen wurde.
Neben Provenienzangaben sowie Ausstellungs- und Publikationsnachweisen stellt die Plattform digitalisierte historische Quellen bereit, darunter Ausstellungs- und Auktionskataloge. Durch die Verknüpfung mit den entsprechenden Nachweisen können Informationen anhand der Originalquellen nachvollzogen, Angaben kritisch geprüft und neue Forschungsfragen an das Material gerichtet werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Sammlerinnen, Vermittlerinnen und Kunsthändlerinnen, deren Bedeutung in der Kunstgeschichte bislang häufig wenig sichtbar ist. Eigene Profile machen ihre Rolle innerhalb der Netzwerke des Impressionismus nachvollziehbar – auch dann, wenn sie in historischen Quellen lediglich unter dem Namen ihres Ehemanns erscheinen. Darüber hinaus liefern Aufkleber, Stempel und handschriftliche Vermerke auf den Rückseiten der Gemälde wichtige Anhaltspunkte für die Provenienzforschung und können dabei helfen, bislang unbekannte Stationen in der Geschichte eines Kunstwerks zu erschließen.
„Die Sammlung Hasso Plattner bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt unserer wissenschaftlichen Arbeit. Mit Networks of Impressionism machen wir das daraus hervorgegangene Wissen nicht nur für Forschende zugänglich, sondern laden auch Kunstinteressierte dazu ein, die Geschichte des Impressionismus aus neuen Perspektiven zu entdecken. Unser Ziel ist es, die Plattform gemeinsam mit internationalen Sammlungen und Forschungseinrichtungen weiterzuentwickeln. So kann eine internationale Plattform für die gemeinsame Erforschung des Impressionismus entstehen, die Wissen transparent zugänglich macht und neue Formen der Zusammenarbeit ermöglicht.“
–Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini
Unterschiedliche digitale Funktionen eröffnen verschiedene Zugänge zu den gesammelten Informationen. Ein interaktiver Zeitstrahl, Karten und Netzwerkansichten zeigen, wann und wo Personen tätig waren, welche Werke sie besaßen und wie sie mit anderen Akteuren verbunden waren. Durch die Verknüpfung von Kunstwerken, digitalisierten Archivalien und wissenschaftlichen Publikationen lassen sich sowohl einzelne Provenienzen untersuchen als auch übergreifende Entwicklungen im Kunsthandel und in der internationalen Sammlungsgeschichte nachvollziehen.
Die wissenschaftliche Grundlage der Plattform entsteht in Zusammenarbeit mit dem Wildenstein Plattner Institute, das umfangreiche Archiv- und Publikationsbestände zu Künstlern, Sammlern und Händlern des Impressionismus erschließt. Ein großer Teil dieser Ressourcen ist bereits online zugänglich. Darüber hinaus verwaltet und veröffentlicht das Institut Forschungsergebnisse von Werkverzeichnis-Komitees in New York und Paris. Zu den online publizierten Werkverzeichnissen gehören Arbeiten zu Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir und Maurice de Vlaminck. Die damit verbundenen Recherchen umfassen auch die Herkunftsgeschichte der jeweiligen Werke.
Entwickelt und betrieben wird die technische Plattform von Navigating.art. Das System kommt bereits seit 2021 für digitale Werkverzeichnisse des Wildenstein Plattner Institute und weiterer Institutionen zum Einsatz. Es basiert auf einer relationalen Datenbank und einem standardisierten Datenmodell, das die Verknüpfung und institutionenübergreifende Nutzung von Forschungsdaten ermöglicht. Dabei orientiert sich Navigating.art an den FAIR-Prinzipien für auffindbare, zugängliche, interoperable und nachnutzbare Forschungsdaten sowie an etablierten Standards der Provenienzforschung.
Die Plattform führt Daten und Quellen verschiedener Einrichtungen zusammen, ohne deren Herkunft und jeweiligen Forschungskontext aus dem Blick zu verlieren. Informationen lassen sich institutionsübergreifend vergleichen, Quellen gezielt nachvollziehen und historische Zusammenhänge gemeinsam untersuchen. Dadurch entsteht eine wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen Museen, Sammlungen und Forschungseinrichtungen über institutionelle Grenzen hinweg.
Die digitale Verknüpfung der Informationen eröffnet neue Möglichkeiten, die Geschichte einzelner Gemälde mit größeren Entwicklungen des Impressionismus in Beziehung zu setzen. Provenienzketten lassen sich nachvollziehen, historische Marktbewegungen vergleichend untersuchen und Verbindungen zwischen Personen, Werken und Institutionen über längere Zeiträume verfolgen. Gleichzeitig können bislang wenig beachtete Akteure und Zusammenhänge stärker in den Blick rücken. Eine zentrale Rolle spielt dabei die transparente Dokumentation der verwendeten Quellen. Sie ermöglicht es, Forschungsergebnisse nachzuvollziehen, Angaben kritisch zu prüfen und neue Erkenntnisse einzubringen. Networks of Impressionism versteht sich somit nicht nur als digitales Nachschlagewerk, sondern auch als Grundlage für einen fortlaufenden wissenschaftlichen Austausch zwischen Forschenden, Museen und Sammlungen weltweit.
Mit der geplanten Einbindung internationaler Partnermuseen soll das verfügbare Wissen schrittweise erweitert werden. Der Vergleich unterschiedlicher Sammlungsbestände wird es ermöglichen, übergreifende Entwicklungen zu untersuchen und neue Fragen zur Geschichte, Verbreitung und Rezeption des Impressionismus zu stellen.
„Provenienz- und Kunstmarktforschung beruht auf Quellen, die häufig über Archive, Bibliotheken und Sammlungen verstreut sind. Ihre Auswertung ist zeitaufwendig, insbesondere wenn komplexe Besitzgeschichten oder die Beziehungen zwischen Händlern, Sammlern und Institutionen rekonstruiert werden sollen. Networks of Impressionism verknüpft diese Informationen und macht die zugrunde liegenden Quellen nachvollziehbar zugänglich. So lassen sich die oft über mehr als 150 Jahre reichenden Geschichten einzelner Gemälde leichter erschließen und in größere historische Zusammenhänge einordnen.“
–Linda Hacka, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Provenienzrecherche am Museum Barberini
Ergänzt wird die Forschungsplattform durch sechs digitale Projekte, die die wissenschaftlichen Ergebnisse in unterschiedliche Vermittlungsformate übersetzen. Sie verbinden Kunst, Literatur, Fotografie, Klang und interaktive Technologien und eröffnen neue Zugänge zu den Menschen, Orten und Geschichten hinter den Gemälden. Von der Graphic Novel bis zur Rauminstallation im Museum Barberini machen sie das Netzwerk des Impressionismus auf vielfältige Weise erfahrbar.